Vierundzwanzig Millimeter. Ich habe sie mit dem Holzgliedermaßstab nachgemessen, obwohl das gar nicht nötig gewesen wäre. Ich kannte das Maß schon vorher. Als Sachverständiger habe ich ein halbes Berufsleben damit verbracht, Höhenversätze an Türen, Absätze im Estrich und schief verlegte Bodenfliesen zu beurteilen. Wenn irgendwo zwei Zentimeter Holz aus dem Boden ragten, genügte ein Griff in die Aktentasche, um festzustellen, ob ein Mangel vorlag oder eine hinzunehmende Toleranz.

In unserem Flur liegt diese Leiste aus geölter Eiche seit dreiunddreißig Jahren. Sie verbindet den Dielenboden des Ganges mit den hellgrauen Fliesen des Badezimmers. Wir haben sie nie beachtet. Man stieg darüber hinweg, tausende Male, mit vollen Händen, in Eile, im Dunkeln. Eine Schwelle ist im Alltag eines gesunden Menschen kein Hindernis; sie ist schlicht der Punkt, an dem das eine Zimmer aufhört und das nächste beginnt.

Nach dem Sturz meiner Frau hat sich dieser Punkt verändert.

Als sie aus dem Krankenhaus zurückkam und die ersten Schritte mit Unterstützung durch den Flur wagte, hielt sie vor der Badezimmertür an. Der Blick ging nach unten. Es war kein Zögern aus Unachtsamkeit, sondern eine spürbare Vorsicht. Die vierundzwanzig Millimeter Eichenholz waren nicht gewachsen, aber sie standen plötzlich wie eine Kante im Raum. Was über Jahrzehnte selbstverständlich überschritten wurde, verlangte auf einmal Konzentration, ein vorsichtiges Heben des Fußes und eine stützende Hand an der Zarge.

Der Blick des Gutachters

Mein erster Impuls war der vertraute berufliche Reflex: Das muss weg.

Wer sich mit barrierefreiem Bauen beschäftigt, landet unweigerlich bei der DIN 18040-2. Die Vorschrift ist eindeutig: Untere Türanschläge und Schwellen sind grundsätzlich unzulässig. Wo sie sich technisch überhaupt nicht vermeiden lassen, dürfen sie maximal zwanzig Millimeter hoch sein. Das Ideal lautet Nullbarriere. Ein durchgehender, ebener Übergang, ohne Kante, ohne Stolperstelle, schwellenlos von Raum zu Raum.

Auf dem Papier ist das eine saubere Sache. In einer Neubauplanung lässt sich ein solcher Standard am Reißbrett einzeichnen. Doch ein Haus aus den späten siebziger Jahren ist kein Reißbrett.

Wenn man als Baufachmann vor der eigenen Badezimmertür kniet, sieht man sofort, was eine echte Nullschwelle im Bestand bedeutet: Der Fliesenboden im Bad liegt höher als die Dielen im Flur, weil man damals im Nassbereich einen dickeren Zementmörtel wählte. Darunter verläuft die Verbundabdichtung, die verhindern soll, dass Dusch- oder Wischwasser in die Zwischendecke sickert. Wer die Schwelle einfach herausreißt, öffnet eine Fuge. Man müsste den Estrich im Flur anpassen oder das halbe Bad aufstemmen, die Rohrleitungen tiefer legen, ein neues Gefälle zur Entwässerung anlegen und die Wände neu verfliesen.

Plötzlich stand nicht mehr nur ein kleines Holzprofil im Raum, sondern das Bild einer handfesten Kernsanierung: Staubschutzwände aus Folie, Presslufthämmer am frühen Morgen, Schuttkübel vor der Haustür, wochenlang fremde Handwerker im Haus.

Baustelle oder Schonraum

Genau an dieser Stelle geraten technische Perfektion und menschliches Leben miteinander in Konflikt.

Eine Familie, die gerade erst einen schweren Schrecken überwunden und mühsam wieder zu einem ruhigen Alltagsrhythmus gefunden hat, braucht Stabilität. Meine Frau brauchte Ruhe, Verlässlichkeit und das Gefühl, in ihren eigenen vertrauten vier Wänden sicher zu sein. Eine Baustelle erzeugt das genaue Gegenteil: Lärm, Schmutz, Zugluft und die ständige Unruhe, dass nichts an seinem gewohnten Platz steht.

Als Gutachter hätte ich bei einem Ortstermin für einen Auftraggeber vielleicht trocken ins Protokoll diktiert: Schwelle unzulässig, Beseitigung durch bodengleichen Neuaufbau empfohlen. Als Ehemann begriff ich, dass die radikale Beseitigung des baulichen Mangels einen ungleich größeren Schaden anrichten würde: die Zerstörung unseres Rückzugsortes zu einem Zeitpunkt, an dem wir ihn am dringendsten brauchten.

Frage der Anpassung Die technische Norm (DIN 18040-2) Die gelebte Lösung im Haus
Türschwelle Grundsätzlich 0 mm (Nullbarriere); Ausnahme max. 20 mm Beidseitig flach angekeiltes Holzprofil mit rutschhemmendem Belag
Sanitäreinbau Bodengleiche Dusche mit durchgehendem Gefälleestrich Stabiler, fest verankerter Winkelgriff und standfester Duschhocker
Bauaufwand Vollständiges Aufstemmen von Fliesen, Estrich und Abdichtung Zerstörungsfreie Montage in wenigen Stunden ohne Lärm und Schmutz
Auswirkung auf Alltag Mehrwöchige Baustelle mit Staub, Baulärm und Fremden im Haus Sofortige Nutzbarkeit und ungestörter Erholungsraum für die Familie

Die Kunst des Kompromisses

Wir haben uns gegen den großen Umbau entschieden und für einen gangbaren Zwischenweg.

Statt die Zarge herauszubrechen und den Estrich aufzureißen, habe ich die Eichenleiste mit zwei feinen, flach auslaufenden Rampenprofilen aus massivem Hartholz versehen. Der Anstieg ist sanft, die Kante gebrochen. Dazu kam ein stabiler Haltegriff, fest im Mauerwerk verankert, genau an der Stelle, an der die Hand instinktiv Halt sucht. Im Badezimmer sorgt ein rutschhemmender Belag für sicheren Stand. Der gesamte Eingriff dauerte einen Vormittag. Es gab keinen Staub, keinen Presslufthammer und keinen Lärm.

Das Ergebnis erfüllt keine offizielle DIN-Norm für barrierefreie Neubauten. Ein strenger Prüfer könnte im Protokoll vermerken, dass eine Restspeisung von wenigen Millimetern verbleibt. Doch für uns funktioniert es. Meine Frau bewegt sich wieder ohne Angst zwischen den Räumen.

Dass solche Fragen nicht privat bleiben müssen, zeigen die staatlichen Förderinstrumente. Neben den Zuschüssen der gesetzlichen Pflegekasse für wohnumfeldverbessernde Maßnahmen bietet beispielsweise die Kreditanstalt für Wiederaufbau mit der KfW-Förderung für den altersgerechten Umbau eine zinsgünstige Finanzierung, um Barrieren im Wohnbestand schrittweise und fachgerecht abzubauen.

Was bleibt

Manchmal verwechselt man die Einhaltung einer Norm mit der Lösung eines Problems.

In meinem Berufsleben gab es klare Tabellen: Ein Wert lag innerhalb der Grenze oder außerhalb. Im Ruhestand habe ich gelernt, dass eine Wohnung kein technisches Messprotokoll ist. Sie altert mit den Menschen, die in ihr wohnen. Sie hat Ecken, Unebenheiten und Spuren, die nicht in ein Raster passen.

Die Schwelle zwischen Flur und Bad ist noch da. Aber sie ist kein unüberwindbares Hindernis mehr. Sie erinnert uns jeden Tag daran, dass es im Alter nicht darauf ankommt, die Welt um jeden Preis perfekt zu machen, sondern Wege zu finden, auf denen man gemeinsam weitergehen kann.